Der Gustl

eine Adventgeschichte von Christine Kainz

 

Gustl mag seine Arbeit als Busfahrer. Wenn es auch nicht unbedingt das ist, was er sich immer erträumt hat. Als Lastwagenfahrer die Welt zu erobern – das wäre ihm gelegen. Das war schon als kleiner Bub sein großer Traum.

 

Nach der Lehre machte er auch gleich den Führerschein und die amerikanischen Filme über die Helden der Landstraße hat er alle gesehen. Manche sogar zweimal, dreimal. Da gab es haufenweise Abenteuer, wahre Kameradschaft und schöne Frauen. Da waren Männer noch richtige Männer.

 

Nicht so, wie seine Kollegen in der Remise, die sich beim Kaffeeklatsch und den mitgebrachten Wurstbroten ihr Krankheiten erzählen, und das ewige Klagelied über ihre Familien, ihre unglücklichen Ehen, über die Kinder und die hohen Lebenshaltungskosten leiern.

 

Gustl kann über seine Kollegen nur mitleidig lächeln. Was wissen die schon vom Leben! Die hatten anscheinend nie Träume gehabt – so wie er. Er, der Einzelgänger. Er, für den sicher alles ganz anders gekommen wäre, hätte ihn die Erna, damals vor zwei Jahren, nicht zum Vater gemacht und ihn damit in Wien festgenagelt.

 

Manchmal bereut er, daß (ßßß;-) er die Erna nur wegen des Kindes geheiratet hat. Weiß Gott, wo er jetzt schon sein könnte! Amerika – das tät ihm immer noch taugen!

 

Als Mann hat er eben Verantwortung zu tragen und ihm soll keiner nachsagen können, daß er nicht wisse, was seine Pflichten sind. So ist er eben Busfahrer geworden. Ein müder Abklatsch seiner Träume zwar, aber was soll`s. Er hat sich`s gerichtet – wie man so sagt.

 

Bei den Kollegen ist er nicht unbeliebt und den ganzen Tag auf der Straße unterwegs zu sein macht ihm Spaß. Er ist ein guter Fahrer, der Gustl. Wenn er gut aufgelegt ist, ist er sogar besonders freundlich zu den Fahrgästen. Hilft schon mal einem alten Menschen beim ein- oder aussteigen oder hebt einen Kinderwagen. Wenn die Leute ihn dann loben und sagen, wie selten das vorkommt, daß ein Fahrer so freundlich ist, das gibt ihm dann enormen Auftrieb.

 

Heute ist der Gustl allerdings nicht gut aufgelegt und das ist auch kein Wunder. Weihnachten steht vor der Türe und alle Leute sind nervös und der Gustl halt auch.

 

Daheim die Streitereien wegen aller möglichen Weihnachtsgeschenke, für die sowieso nicht genug Geld da ist. Seine Frau aber meint halt, wenn sie der Polditante etwas schenken, müssen sie der Mizzitante erst recht etwas schenken, weil die sonst beleidigt ist. Hat sie ihnen doch damals zur Hochzeit die teure Bleikristallvase geschenkt, die sie allerdings nur aufstellen, wenn die Mizzitante zu Besuch kommt. Das Ding ist nämlich so derartig scheußlich, daß man dessen Anblick nur stundenweise ertragen kann. Er ist schon froh, wenn die ganze Schenkerei und Besuchemacherei vorbei ist.

 

Das Busfahren macht dem Gustl heute keinen Spaß. Es scheint, als hätten sich alle Fahrgäste gegen ihn verschworen. Kopfweh plagt ihn und seinen Meniskus spürt er auch wieder. Das geht schon, seit er mittags seinen Dienst angetreten hat. Immer ein übervoller Bus. Menschen mit Paketen, mit Unmengen von Plastiksackerln und Taschen. Ein Gedränge und Geschrei.

 

Die Leute streiten und beschimpfen sich und beschimpfen den Gustl, weil der als Fahrer für alles verantwortlich gemacht wird. Gerade wieder konnte sich ein Mann nicht schnell genug zum Ausstieg durchkämpfen. Die automatische Türe geht zu, zwickt den Mann ein und was der Gustl jetzt so an  Beschimpfungen zu hören bekommt, ist nicht von schlecht Eltern.

 

Am liebsten tät er ja etwas zurücksagen. Etwas Arges! Etwas, das sitzt! Schließlich braucht er sich nicht alles gefallen lassen. Der Gustl aber ist still, dreht sich nicht einmal um und wirft nur ab und zu einen Blick durch den Spiegel in das Wageninnere. Viel kann er da sowieso nicht sehen, außer einer dicht gedrängten Menschenmasse.

 

Heute ist totales Verkehrschaos, der Bus kommt nur im Schritttempo weiter. Bei der nächsten Haltestelle will eine Frau mit Kinderwagen einsteigen. Die Fahrgäste schreien hinaus, daß das nicht geht, daß kein Platz ist. Die Frau hat den Kinderwagen bereits auf die Stufe gehoben und schreit zurück, daß sie schon seit einer halben Stunde auf den Bus wartet und hantiert weiter mit dem Wagerl.

 

Einige Fahrgäste schimpfen, daß das wieder typisch ist, jetzt, um diese Zeit, mit einem Kinderwagen unterwegs zu sein. Kleinlaut meint eine alte Frau „vielleicht hat sie mit dem Kind zum Arzt müssen und will jetzt halt auch nach Hause, weil ihr Mann auf das Essen wartet“. Das geht aber in der grölenden Menge unter und der Gustl kann nicht weiterfahren, weil der Kinderwagen die Türe blockiert, und schon werden die ersten Rufe nach dem Fahrer laut und die Schimpferei wird immer ärger.

 

Der Gustl aber ist noch immer still. Er schaut durch die Windschutzscheibe, erspäht in der Dämmerung ein kleines Stückerl blauen Himmels und sieht weiße Wolken ziehen. Da spürt er eine unendliche Ruhe und Sehnsucht in sich aufkommen und er nimmt sich seine Tasche, steht auf, schaut durch die erwartungsvolle Menge der Fahrgäste hindurch, die jetzt meint, er würde einschreiten und dem Chaos ein Ende bereiten, so daß die Fahrt endlich weitergehen kann.

 

Gustl aber steigt aus dem Bus aus und geht davon. Geht langsam und wie selbstverständlich auf und davon. Ganz selbstverständlich. Gerade so, als hätte er jetzt Feierabend. Das Gezeter der Fahrgäste verstummt. So etwas hat noch keiner von ihnen erlebt.

 

Morgen oder übermorgen, wenn dieser Vorfall vom Busfahrer – der im wahrsten Sinne des Wortes „ausgestiegen“ ist – in den Zeitungen steht, wer weiß, wo da der Gustl schon sein wird.

 

Auf dem Weg nach Amerika vielleicht! Wer weiß!?

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