6.6.2017

 

"Sorgenkinder sind in Österreich geboren"

 

Aus http://orf.at/stories/2393373/2393374/

 

"... Zu jenen Kindern, um deren Zukunft sich die Lehrerin besonders sorgt, zählen die im Herbst 2015 in die Klasse gekommenen Flüchtlingskinder allerdings gar nicht so sehr. Sie nehmen mittlerweile großteils gut am Unterricht teil. Ihre wirklichen Sorgenkinder sind in Österreich geboren – „alle aus türkischen Familien“ – und machen etwa ein Viertel der 3c aus. Sie können der Unterrichtssprache kaum folgen.

Wie das bei einem Volksschulkind, das seit seiner Geburt in Österreich lebt, passieren kann, erklärt die Lehrerin so: „Bis zum verpflichtenden Kindergartenjahr kommen sie mit Deutsch kaum in Kontakt, und den Kindergarten besuchen viele dann sehr unregelmäßig oder nur für zwei oder drei Stunden am Tag. Ein paar Stunden Schule am Vormittag reichen nicht aus, um eine Sprache zu lernen.“

Deutschkenntnisse sind nicht alles

 

Meist kommen bei diesen Kindern alle drei Risikofaktoren zusammen: nicht-deutsche Alltagssprache, bildungsferner Haushalt und niedriger Berufsstatus der Eltern. Denn dass Deutschkenntnisse nicht alles sind, sieht die Lehrerin beispielsweise an den syrischen Kindern der Klasse, die mittlerweile großteils gut am Unterricht teilnehmen.

Viele Kinder sind durch Dinge benachteiligt, die nichts mit Deutschkenntnissen oder mit dem Herkunftsland zu tun haben: „Ich sehe viele Kinder, die nicht mit einer Schere schneiden können, die nicht kleben können.“ Viele hätten noch nie ein Gesellschaftsspiel gespielt. Von vielen wisse sie zudem, dass die Eltern kaum etwas mit ihnen unternehmen und nur wenig nach draußen gehen: „Ich habe Kinder in der Klasse, die haben noch nie eine Schnecke gesehen.“

„Die Mama ist nicht aufgestanden“

Manche würden zudem oft tagelang unentschuldigt fehlen. Fragt die Lehrerin bei ihrer Rückkehr, was denn los gewesen sei, sagen die Kinder: „Die Mama ist nicht aufgestanden“ oder „Die Mama wollte nicht“. Es sind Situationen wie diese, die die Lehrerin daran zweifeln lassen, dass jedes Kind ihrer Klasse die gleichen Chancen hat. 

Und die sie am Bildungssystem zweifeln lassen: Die meisten Politiker und Bildungsexperten wüssten kaum etwas über die Realität an den Schulen. Man bewege sich in seinem eigenen sozialen Umfeld und könne sich gar nicht vorstellen, wie es in manchen Familien aussieht: „In meiner Klasse gibt es sehr viele Kinder, die kein einziges Buch zu Hause haben. Deren Eltern nicht lesen. Das ist keine Ausnahme, das ist die Realität.“..."

Aus http://orf.at/stories/2393373/2393374/